Besuch im Kinderdorf "Associação Santos Inocentes" in Irati Brasilien

Vom 25. Januar bis 8. Februar 2014

 

Auf den ersten Blick hat sich nicht viel verändert. Die Straße vom Zentrum der Stadt Irati bis zum Kinderdorf ist immer noch eine Schotterpiste. Auch die Armensiedlung direkt neben dem Kinderdorf erscheint genau wie immer, nur größer ist sie geworden. Das Eingangstor liegt im Abendsonnenschein, nach ca. 33 Stunden Reise sind wir angekommen. Zweieinhalb Jahre sind vergangen seit unserem letzten Besuch im Kinderdorf. Und auf den zweiten Blick hat sich doch viel geändert. Fast alle Kinder sind neu für uns. Die damals Jugendlichen sind inzwischen erwachsen und gehen ihre eigenen Wege. Einige Kinder sind adoptiert worden und haben so eine neue Familie gefunden. Einige Kinder wurden zurückgegeben an die eigene Familie, nachdem Sozialarbeiter versucht haben, mit diesen Familien zu arbeiten und sie zu stabilisieren. Nach einem noch relativ jungen brasilianischen Gesetz sollen Kinder und Jugendliche möglichst nicht länger als zwei Jahre in einem Heim verbringen. Danach soll die Familie wieder in der Lage sein, für sie zu sorgen oder sie werden zur Adoption angeboten. Nur wenn weder das eine, noch das andere möglich ist, dürfen sie länger bleiben. Die Rückführung in die Familie geht allerdings oft schief. Dann kommen die Kinder wieder, noch schwerer traumatisiert als zuvor, wie zum Beispiel die Geschwister Brenda, Daila und Dailon oder Giovane und Gilvane. Die Einweisungsgründe sind immer ähnlich: Prostitution der Mutter, Alkohol-und Drogenabhängigkeit oder Gefängnisaufenthalt der Eltern, schwerste körperliche Gewalt und sexueller Missbrauch auch von Kleinkindern. Viel Arbeit für die Schwestern und die Angestellten und auch für das ehrenamtliche Leitungsgremium. Behutsamkeit und großes Einfühlungsvermögen ist notwendig im Umgang mit diesen Kindern. "Wir hatten schon mal mehr Kinder", sagt Sr. Anice, "aber jetzt haben wir mehr Arbeit. Gott sei Dank kommt viel Hilfe aus der Stadt Irati, Geldspenden, Sachspenden, ehrenamtlicher Arbeitseinsatz, sonst wäre es auch nicht zu schaffen.“ Und weiter sagt sie: "Wir sind so froh über eure Hilfe. Auch wenn wir schon viel versuchen und machen, ohne die Unterstützung aus Deutschland können wir es nicht schaffen." 

Ein besonderes Fest war für uns ein Sonntagnachmittag. Zehn ehemalige Kinder kamen uns besuchen. Rosemeri kam mit ihrem Mann Samuel aus Curitiba, drei Stunden Autofahrt, nur um uns zu sehen. Die Arbeit für das Kinderdorf hat sich gelohnt und lohnt sich immer noch, wenn man sieht, wie viele schon durch dieses Projekt eine Basis für das Leben bekommen haben. Wir hoffen, dass wir noch viele Jahre weitermachen können.

(Eva Linsky) 

Die Straße zum Kinderdorf

Gepflegte Anlage

Eva (r) und Oswald (l) Linsky mit "Ehemaligen"

Claudineia zu Sr. Anice: Sie ist meine Mutter

2009 Besuch einer Brochterbecker Gruppe 

im Kinderdorf - Nachlese

 

Wir sind wieder angekommen mit einem ganzen Herzen voll vielfältiger Eindrücke. Die Eindrücke reichen von dem Elend, das es gibt, bis zur Schönheit des Landes. 

Brasilien – ein Land voller Gegensätze. Der Weg zum Kinderdorf führt durch eine Armensiedlung. Man kann nur ahnen, in wie viel Armut und Elend die Menschen dort leben. Zusammen mit der Sozialarbeiterin durften wir eine Familie besuchen, deren Kinder zur Projektarbeit ins Kinderdorf kommen. Die Geschichte der Familie zu hören, den Menschen die Hand zu geben und in der Bretterhütte zu stehen, macht tief betroffen.

Aber wir haben auch die schönen Seiten Brasiliens gesehen: z. B. die Wasserfälle in Foz de Iguaçu. Dort kann man nur stehen und staunen. Man möchte glauben, hier hat Gott die Welt erschaffen! Die Bestätigung bekommt man dann auf argentinischer Seite: Dort gibt es einen Wasserfall namens Eva und einen, der Adam heißt - und das Paradies scheint mitten zwischen den Wasserfällen zu liegen. 

Das wichtigste an der ganzen Reise war natürlich das Kinderdorf. Hier haben wir gesehen und erlebt, dass sich unser Einsatz (personell, zeitlich, finanziell) lohnt und richtig investiert ist. Die Arbeit im Kinderdorf ist NOT-wendig, im wahrsten Sinne des Wortes. Die Hauseltern gehen liebevoll mit den Kindern um, die Projektkinder bedürfen der Unterstützung, die Lehrerinnen sind klasse, die Sozialarbeiterin betreut nicht nur die Projektkinder sondern auch deren Familien und besucht diese regelmäßig, Sr. Anice ist eine Powerfrau und leistet dort eine supergute Arbeit zum Wohle der Kinder - insgesamt einfach toll! Man spürt die Liebe aller Erwachsenen zu den Kindern - aber auch die Zufriedenheit der Kinder. Wenn man bedenkt, dass jedes Kind eine schreckliche Geschichte hinter sich hat, merkt man ihnen dies zum Großteil nicht an. Sie sind fröhlich und vergnügt, sind ganz offen und herzlich auf uns zu gegangen.

Wir hatten das Vergnügen Christina Vanessa (20 Jahre), ein ehemaliges Kinderdorfkind (9 Jahre im Kinderdorf) in einer Bäckerei zu besuchen, in der sie seit 2 Jahren als Verkäuferin arbeitet. Sie hat eine kleine Wohnung in der Stadt und ihr Leben gut organisiert. Gerade eben hat sie einen Kurs für Jugendarbeit in der Kirchengemeinde absolviert. Chris hat sich riesig über unseren Besuch gefreut. An unserem letzten Tag im Kinderdorf hat sie ihre Mittagspause ein klein wenig verschoben, ist mit dem Kinderdorfschulbus ins Kinderdorf gefahren, um uns ein paar Plätzchen aus der Bäckerei zu bringen. 

(Im Namen der Reisegruppe: Sabine Wallmeier)


Mit dem Lied „Crianças carentes- o grito dos excluidos“
„Bedürftige Kinder- der Schrei der Ausgeschlossenen“ 

begrüßten die Kinderdorfkinder ihre Gäste aus Deutschland. Als Symbol für die deutsch-brasilianische Freundschaft und die gemeinsame Arbeit zum Wohl der Kinder hatten sie deutsche und brasilianische Fahnen in die Hände geklebt. 

Der Text des Liedes auf deutsch:

1. Wenn ich ein Kind an der Straße sitzend sehe, fast sterbend vor Hunger, weint mein Herz. Die Füße mit Wunden, die Kleidung beschmutzt. Es ist ein armes Kind, bedürftig der Liebe.

Die Kinder unseres Landes brauchen Zärtlichkeit und Liebe. Ob reich oder arm, sie sind die Hoffnung einer besseren Welt.

2. Wenn ich ein armes Kind sehe, das lernen möchte, aber in der Schule gibt es keine Unterstützung, keine Schulspeise und sogar keine Lehrer. Es ist eine armes Kind, bedürftig der Liebe. Die Kinder unseres Landes ….

3. Ich hoffe, diese Botschaft, Brüder und Schwestern, erreicht euer Herz. Gehen wir in Liebe zu den Kindern, reichen wir ihnen die Hände, wo es nötig ist. Gemeinsam können wir in Liebe an einer besseren Welt bauen. Die Kinder unseres Landes ….

 

Abschied vom Kinderdorf!

Ein halbes Jahr (Oktober 2004 – März 2005) hat Christiane Stroth aus Brochterbeck im Kinderdorf gelebt und mitgearbeitet. Zwei Wochen vor ihrer Heimkehr hat sie folgenden Brief geschrieben.

"Meine Zeit  - eine unglaublich tolle Zeit – hier in der Cidade da Criança ist jetzt fast vorbei. Mir bleiben nur noch etwa zwei Wochen mit „meinen“ Kindern. Zwei Wochen, in denen ich zum letzten Mal Blockflöten- und Englischunterricht gebe, den Kindern bei den Hausaufgaben helfe, mit den großen Mädchen Tischdecken besticke, die dann später in Deutschland verkauft werden, zum letzten Mal mit den Kindern male, tanze, Ball spiele, Geschichten lese und sie abends in den Häusern besuche und Novelas mit ihnen gucke. Zum letzten Mal werde ich der Lehrerin Sirlei beim „Projeto“ helfen, in dem zweimal wöchentlich Kinder aus der an das Kinderdorf grenzenden Favela kommen, und wir mit ihnen tanzen, singen, basteln, kochen, malen, spielen, lernen. Nicht nur die Kinder habe ich unglaublich gern gewonnen, auch die drei Schwestern, die Lehrerin, die Hauseltern, die Köchin, den Busfahrer und alle anderen, die hier arbeiten, habe ich ins Herz geschlossen!

Ich werde die Abende vermissen, die ich zusammen mit den Schwestern verbracht habe, ein bisschen Deutsch mit ihnen geübt habe, Musik mit ihnen gemacht habe oder mich einfach richtig gut mit ihnen unterhalten habe. Ich werde es vermissen, mit allen zusammen Mittag zu essen und Kaffe zu trinken, zu quatschen und zu lachen und abends mit den Hausmüttern „Chimarrão“ zu trinken.

 

Hier im Kinderdorf sind alle eine große Familie, zu der ich für einige Monate gehören durfte, und in der ich mich unglaublich wohl und zu Hause gefühlt habe. Für Heimweh war wirklich nie Zeit, weil es hier immer etwas zu tun gibt! Gurken einmachen für Weihnachten und auch schon für Ostern basteln, in der Küche helfen, aufräumen, putzen, vor allem die Schwestern arbeiten viel zu viel. Es gibt wirklich immer irgendeine Schwierigkeit, die zu lösen ist.

 

Jeder von uns in Deutschland weiß von Problemen wie Armut, Hunger, Gewalt auf dieser Welt, aber ich jedenfalls konnte sie nie richtig begreifen und realisieren. Ich glaube jetzt, nachdem ich das alles hier gesehen habe, begreife ich ein bisschen mehr. Allerdings ist es mir fast unmöglich, mir die grausamen Dinge vorzustellen, die die Kinder hier schon durchgemacht haben, wenn ich sie lachen und spielen sehe. Aber dass die Kinder hier so glücklich sind und dass es ihnen gut geht, ist das Ergebnis der Arbeit, die die Schwestern, alle anderen hier und die Mitglieder des Vereins „Kinderdorf Irati e. V. in Deutschland machen."